Marktstudien Bio-Ökonomie

Marktstudien-Bio-Ökonomie

Marktstudien im Bereich der Bio-Ökonomie

Grünes Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit: Bioökonomie verspricht nicht weniger als die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie. Wenn Erdöl, Erdgas und Kohle durch Biomasse ersetzt werden, können davon unter anderem Klimaschutz, Umwelt und Versorgungssicherheit profitieren. Außer Lebensmitteln, Medikamenten und Bioenergie liefern biogene Rohstoffe zunehmend auch innovative Materialien für zahlreiche Wirtschaftsbereiche. Im Fokus der zukünftigen Industrieanalysen von Ceresana stehen Biochemikalien und Biokunststoffe, also die stoffliche Verwertung von nachwachsenden Ressourcen. Von biobasierten Grundstoffen und Vorprodukten, etwa Bio-Alkoholen, Bio-Säuren und Biopolymeren, reicht das Spektrum dabei bis zu Endprodukten, wie zum Beispiel Klebstoffen, Beschichtungen, Folien, Verpackungen und Verbundwerkstoffen. Die Marktstudien behandeln auch Bio-Komplexbildner, Bio-Tenside und Bio-Lösungsmittel aus biologischen Rohstoffen: Biomaterialien, die den meisten Konsumenten kaum bekannt sind, die aber in großen Mengen für Waschmittel und andere Alltagsprodukte eingesetzt werden können.

 

Konvergenz innovativer Technologien

Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen, zum Beispiel Hefen, Schimmelpilze oder Milchsäurebakterien, werden von der Menschheit schon seit Jahrtausenden genutzt. Neu ist, dass sich im Zeichen von Bioökonomie und Gentechnik, Industrie 4.0 und Digitalisierung ganz unterschiedliche Branchen, die bislang kaum miteinander kooperierten, mithilfe modernster Technologien zu nachhaltigen Wertschöpfungsnetzen verbinden: Präzisionslandwirtschaft und Robotik; Nahrungsmittelproduktion und 3D-Druck; Bauindustrie und Enzyme; Papier und Nanotechnologie; Abfallverwertung und Mikrosystemtechnik - und viele weitere Kombinationen. Der Aufschwung der Biotechnologie verändert keineswegs nur naheliegende Branchen wie Chemie, Pharma oder Kosmetik: Praktisch alle Wirtschaftssektoren sind in die Bioökonomie involviert, oft als Zulieferer und Abnehmer zugleich. Der Maschinenbau zum Beispiel kann biobasierte Schmierstoffe einsetzen und im Gegenzug Bioreaktoren fertigen. Mess- und Regelungstechnik liefert Sensoren. Zur Auswertung der Datenmengen, die bei der Qualitätskontrolle von biobasierten Produktionsprozessen erfasst werden, braucht es Computertechnik und Künstliche Intelligenz. Die Autoindustrie ist einer der größten Verbraucher von Biokunststoffen, aber auch die Textilindustrie sucht nach Alternativen zu fossilen Rohstoffen. Nicht zuletzt ist Bioökonomie auch ein Thema für Investoren: Die Finanzbranche orientiert sich zunehmend an ESG-Kriterien für umweltschonende, soziale und verantwortungsvolle Unternehmensführung.

 

 

Hoffnungsträger Kreislaufwirtschaft

Von der Natur lässt sich Ressourcen-Effizienz lernen: In einem regenerativen System werden der Verbrauch von Rohstoffen und Wasser, die anfallenden Abfälle und Emissionen, und der Energieeinsatz minimiert. Bei der Aufbereitung von Biomasse entstehen in Bioraffinerien neben dem Hauptprodukt auch Koppel-produkte. So können gleichzeitig nicht nur Plattformchemikalien, etwa  Bioethanol oder Lysin, produziert werden, sondern auch zum Beispiel Biogas und Futtermittel. Das Ziel der Kreislaufwirtschaft, die bereits beim Produktdesign beginnt, ist es, alle Materialien möglichst vollständig und mehrfach zu verwerten: Bei Kaskaden-Nutzung fallen im Idealfall lange Zeit keine Abfälle an, denn Nebenprodukte des einen Produktionsschritts sind Ausgangsstoffe für den nächsten. Selbst wenn nachwachsende Rohstoffe aus Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Aquakultur nicht mehr recycelt werden können und biobasierte Produkte nach ihrer Nutzungszeit verbrannt werden, setzen sie im Prinzip nicht mehr CO2 frei als während der Wachstumsphase aus der Atmosphäre aufgenommen wurde.

 

Staatliche Starthilfen

Rund um die Welt sehen Regierungen große Chancen in nachwachsenden Rohstoffen: Eine biobasierte Wirtschaft soll nicht nur Klimawandel, Artensterben und andere Umweltprobleme mildern, sondern auch die politisch riskante Abhängigkeit von wenigen Erdöl- und Erdgas-Exporteuren verringern. Viele Länder erhoffen sich auch einen wirtschaftlichen Aufschwung und neue Arbeitsplätze für ihre ländlichen Regionen. Bereits mehr als 60 Staaten haben Strategien verabschiedet, die für die Bioökonomie relevant sind. Zu den Fördermaßnahmen gehören unter anderem „grüne“ Beschaffungsprogramme. Die künftigen Bioökonomie-Marktstudien von Ceresana geben dazu ebenso einen Überblick wie zu großen Forschungsprojekten. Bioökonomie spielt zum Beispiel eine wichtige Rolle für den „Green Deal“ der Europäischen Union, in den 1,8 Billionen Euro fließen sollen, das heißt rund ein Drittel der Investitionen für den Wiederaufbau nach der Corona-Krise.

 

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1 Grundlagen

1.1 Definition und Ziele der Bioökonomie

Grünes Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit: Bioökonomie verspricht nicht weniger als die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie. Bioökonomie wird auch biobasierte Wirtschaft, biobasierte Kreislaufwirtschaft, zirkuläre Bioökonomie oder wissensbasierte Bio­ökonomie genannt. Sie nutzt das Potenzial von nachwachsenden Rohstoffen und von Biotechnologie. Das Hauptziel ist dabei, die fossilen, endlichen, zu­nehmend teuren und für das Klima problematischen Rohstoffe Erdöl, Erdgas und Kohle durch bio­logische Ressourcen zu ersetzen.

Bioökonomie kann ein wesentlicher Beitrag zu einer postfossilen, umweltschonenden Wirtschaftsweise sein. Es gibt dafür aber bislang keine allgemein anerkannte Definition. Bis vor rund 15 Jahren wurden unter Bioökonomie meist Anwendungen der Bio­tech­nolo­gie ver­standen, vor allem die Nutzung von Erkenntnissen der Mikro­biolo­gie. Mittler­weile werden zur Bio­ökonomie alle Branchen gezählt, die in irgend­einer Form Bio­masse produzieren, verarbeiten, nutzen oder damit handeln. Biologi­sche Roh­stoffe werden von Pflanzen, Tieren oder Mikro­organismen produziert oder aus organischen Ab­fällen gewonnen. Das Verständnis und Bedeutungsfeld von Bio­ökonomie variiert von Land zu Land: In den USA zum Beispiel liegt der Fokus besonders auf Lebens­wissenschaften und Biomedizin; in Japan wird eher an bio­basierte Hightech-Anwen­dungen gedacht; in Brasilien liegt der Schwerpunkt auf traditionellen Einsatz­gebieten nach­wachsender Rohstoffe.

Von der Orien­tierung an natürlichen Stoff­kreis­l­äufen, biologischen Ressour­cen und biotechnologischen Verfah­ren können nicht nur Klimaschutz und Dekarbonisierung, Umweltschutz und Versorgungs­sicherheit profitieren. Außer Futter- und Lebens­mitteln, Medikamenten und Bio­energie, wie zum Beispiel Holzpellets oder Biogas, liefern biogene Rohstoffe zu­nehmend auch Chemikalien, Werkstoffe und andere Materialien für biobasierte Produkte in zahl­reichen Wirt­schafts­bereichen. Der Um­stieg der Industrie von fossilen Kohlen­stoffen auf „Renewable Carbon“ wird vor­aussichtlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen. In vielen Alltagsprodukten werden aber bereits heute innovative Bio­materialien eingesetzt, zum Beispiel Komplex­bildner, Tenside und Lösungs­mittel aus biologischen Rohstoffen in Wasch- und Reinigungsmitteln.

Ceresana analysiert bereits seit 20 Jahren die Marktentwicklung von Biochemikalien und Biokunststoffen, also die stoffliche Verwertung von nachwachsenden Ressour­cen. Von biobasierten Grundstoffen und Vorprodukten, etwa Bio-Alkoholen, Bio-Säuren und Biopolymeren, reicht das Spektrum dabei bis zu Endprodukten, wie zum Bei­spiel Klebstoffen, Beschichtungen, Folien, Verpackungen und Verbund­werk­stoffen.

 

1.1.1 Konvergenz innovativer Technologien

Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen, zum Beispiel Hefen, Schimmelpilze oder Milch­säurebakterien, werden von der Menschheit schon seit Jahrtausenden genutzt. Neu ist, dass sich im Zeichen von Bioökonomie und Gentechnik, Industrie 4.0 und Digitalisierung ganz unterschiedliche Branchen, die bislang kaum miteinander kooperierten, mithilfe modernster Technologien zu nachhaltigen Wertschöpfungs­netzen verbinden: Präzisionslandwirtschaft und Robotik; Nahrungsmittelproduktion und 3D-Druck; Bauindustrie und Enzyme; Papier und Nanotechnologie; Abfall­verwertung und Mikrosystemtechnik – die Kombinationsmöglichkeiten sind beinahe grenzenlos. Dabei eröffnen sich Chancen für neue Geschäftsmodelle.

Anders als die traditionelle Landwirtschaft produziert und verwendet die moderne Bio­ökonomie nicht nur nachwachsende Rohstoffe, um nachhaltige Erzeugnisse her­zustellen. Bioökonomie ist auch hochinnovativ und setzt auf wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt. Industrielle Produktionsprozesse können effizienter und umweltschonender werden, wenn Biotechnologie zum Einsatz kommt: Mikro­organismen, tierische und pflanzliche Zellen und deren Bestandteile wie Enzyme sind heute schon der chemischen Synthese überlegen, wenn es um die Produktion von großen und komplexen Eiweißmolekülen geht, etwa Hormonen oder Antikörpern. Biopharma­zeutika (andere Bezeichnungen u.a.: biologische Therapeutika, Biologika, Biologi­cals), die in biotechnologischen Prozessen hergestellt werden, gewinnen deshalb immer mehr an Bedeutung. Enzyme können nicht nur zum Beispiel in Wasch­mitteln Eiweißmoleküle (etwa Blutflecken) abbauen, sondern sind als Biokatalysatoren auch bei niedrigeren Temperaturen und geringerem Druck aktiv als chemische Substan­zen. Daher werden maßgeschneiderte Enzyme zunehmend in technischen Anwen­dun­gen eingesetzt, um zum Beispiel in der Chemie-, Papier- oder Textil-Industrie Energie und Kosten für Kühlwasser oder Dampf zu sparen. Biocomputer, die Erbsubstanz (DNA oder RNA) als Speicher­medium nutzen, sind dagegen noch Zukunftsmusik.

Zahlreiche Wirtschaftssektoren sind in die Bioökonomie involviert, oft als Zulieferer und Abnehmer zugleich:

  • Land- und Forstwirtschaft, Gartenbau und Pflanzenzucht, Fischerei und Aqua­kultur sind das Fundament der Bioökonomie. Sie liefern biogene Rohstoffe für die stoffliche oder energetische Verwertung. Zunehmend werden auch Erntereste und Abfälle genutzt, zum Beispiel Stroh und Gülle für die Gewinnung von Biogas oder Olivenblätter für die Produktion von Gerbstoffen.
  • Die Nahrungs-, Genussmittel- und Getränkeindustrien sind traditionell fast voll­ständig bio­basiert. Moderne Biotechnologie kommt zum Einsatz, wenn zum Beispiel Bakterien den Futtermittelzusatz Lysin produzieren oder Industrieenzyme das Auf­backen von vorproduzierten Teig-Rohlingen ermöglichen. In der entstehenden Kreis­lauf­wirtschaft werden Reststoffe der Ernährungsindustrie zunehmend als Rohstoffe für andere Nutzungen verwertet, etwa Molke für die Produktion von Biokunststoffen oder Trester (Press­rückstände) für die Herstellung von veganen Leder-Alternativen.
  • Für den Energiesektor kann Bioenergie ein wichtiger Bestandteil im Energie­mix wer­den: Biomasse lässt sich aus vielen unterschiedlichen Quellen von Mikroalgen bis Holz gewinnen und für die Erzeugung von Strom, Wärme und Kraftstoff nutzen. Biomasse ist speicher­bar, und -Anlagen können flexibel betrieben werden. Damit ist Bioenergie eine poten­tiell ideale Ergänzung zur nicht immer verfügbaren Windkraft und Solarenergie. Bioraffinerien liefern oft gleichzeitig Biokraftstoffe und Biochemikalien.
  • Die Chemieindustrie, auch die Sparte Fein- und Spezialchemikalien für die Pharma- und Kosmetikbranche, sucht nach Alternativen zu fossilen Roh­stoffen. In manchen Bereichen sind biobasierte und biotechnologische Ansätze der „grünen Chemie“ bereits heute wettbewerbsfähig. Die Mikroben zum Beispiel, die biobasierte Platt­formchemikalien wie Bernsteinsäure fertigen, können flexibel unterschiedliche Roh­stoffquellen nutzen. Bernsteinsäure wiederum ist ein Vorprodukt für Bio­kunststoffe, Vliesstoffe und Fasern. Biomasse wird genutzt, um biobasierte Tenside herzustellen. Antibiotika und Impfstoffe werden heute schon in der Regel bio­techno­logisch produziert.
  • Wichtige Abnehmer von Biokunststoffen, Biofasern und Bioverbundwerkstoffen sind die Textilindustrie und die Autoindustrie, aber auch die Verpackungsindustrie, die Möbelindustrie und all­gemein die Konsumgüterbranche.
  • Die Bauindustrie verwendet immer schon nachwachsende Rohstoffe wie Holz und natürliche Dämmstoffe. Eine immer größere Rolle spielt die Bauchemie: Spritzbeton wird zum Beispiel Pflanzenstärke zugefügt, um die Haftung zu verbessern. Enzyme helfen als Zement- und Beton-Zusatzstoffe, Wasser zu sparen. Bioklebstoffe und Bio­farben geben keine umwelt- und gesundheitsschädiche Gase ab.
  • Von der Bioökonomie werden auch weniger naheliegende Branchen betroffen. Der Maschinenbau zum Beispiel kann biobasierte Schmierstoffe einsetzen und im Ge­gen­zug Bioreaktoren fertigen. Für den effizienten Umgang mit Biomasse müssen Maschinen, Anlagen und Verfahrenstechniken oft erst noch entwickelt werden. Mess- und Regelungstechnik liefert Sensoren. Die IT-Branche ist gefragt, wenn zur Aus­wertung der Datenmengen, die bei der Qualitätskontrolle von biobasierten Pro­duk­tions­prozessen erfasst werden, Computertechnik und Künstliche Intelligenz ge­braucht werden. Nicht zuletzt ist Bioökonomie auch ein Thema für Investoren: Die Finanzbranche orientiert sich zunehmend an ESG-Kriterien für umweltschonende, soziale und verantwortungsvolle Unternehmensführung.

 

1.1.2 Hoffnungsträger Kreislaufwirtschaft

Die Wegwerf-Mentalität („Take-Make-Waste“) der herkömmlichen, linearen Wirtschaft stößt zunehmend an Grenzen: Nicht-erneuerbare Rohstoffe gehen zur Neige; Abfall­deponien und Schad­stoff­senken werden knapp. Die Leitvision der Bioökonomie ist dagegen eine Kreis­lauf­wirtschaft, die sich an der Effizienz der Natur orientiert: In einem regenerativen System werden der Verbrauch von Rohstoffen, Boden und Wasser, der Energiebedarf und die anfallenden Abfälle und Emissionen minimiert. Biologische Ressourcen sind in Stoff­kreisläufe eingebunden, z.B. den Kohlenstoff- oder den Stickstoffzyklus, und zirkulieren potentiell unendlich.

Kreislaufwirtschaft und ein effizienter Umfang mit Ressourcen entlang der gesamten Wertschöpfungskette beginnt bereits beim Produktdesign. So genannte „Cradle-to-Cradle-Produkte“ sollen nach ihrer Nutzung nicht weggeworfen werden: Alle Inhalts­stoffe und Komponenten sind ökologisch unbedenklich; sie können sicher und konti­nuierlich als Nährstoffe und Materialien genutzt werden in biologischen Kreisläufen (Kom­postierung) oder in technischen Kreisläufen (sortenreine Trennung und Recycling). In der Kreislaufwirtschaft sollen alle Ressourcen möglichst voll­ständig und mehrfach verwertet werden: Bei Kaskadennutzung wird Biomasse über mehrere Stufen hinweg mehrfach genutzt, und idealerweise fallen lange Zeit keine Abfälle und Emissionen an, denn die Nebenprodukte des einen Produktionsschritts sind die Aus­gangs­stoffe für den nächsten.

Besonders effizient wird das Prinzip der Kaskadennutzung in Bioraffinerien verwirk­licht, die platzsparend mehrere Bioreaktoren kombinieren. Durch Fermentation wird dort Biomasse in einzelne Substanzen zerlegt und in Energieträger, Chemikalien und Werkstoffe umgewandelt. Wie bei Raffinerien, die fossile Rohstoffe in integrierten und optimierten Prozessen aufbereiten, werden dabei typischerweise mehrere Zwischen- und Endprodukte in einem Prozess hergestellt, das heißt, neben dem Haupt­produkt entstehen auch so genannte Koppel­produkte. Beispielweise können gleichzeitig nicht nur Plattformchemikalien her­ge­stellt werden, etwa Bio­ethanol oder Lysin, sondern auch Biogas und Futtermittel.

Biomasse ist besonders geeignet, in Kreisläufen genutzt zu werden. Selbst wenn nach­wachsende Rohstoffe nicht mehr recycelt werden können und biobasierte Pro­dukte nach ihrer Nutzungszeit verbrannt werden, setzen sie im Prinzip nicht mehr CO2 frei als während der Wachstumsphase aus der Atmosphäre aufgenommen wurde. In der zirkulären Bioökonomie können bislang ungenutzte organische Rest- und Abfallstoffe verwertet werden, etwa Fruchtschalen oder Raps-Presskuchen. Aus Olivenblättern lassen sich zum Beispiel Gerbstoffe gewinnen. Regionale Stoffkreis­läufe werden geschlossen, wenn Gärreste, die bei der Produktion von Biogas an­fallen, als Dünger auf Äcker ausgebracht werden.

 

1.1.3 Vorteile und Herausforderungen

Biobasierte Ressourcen und biotechnologische Verfahren können dabei helfen, den Verbrauch von Kohle, Erdgas und Erdöl zu verringern. Nachwachsende Rohstoffe sind auf der Welt breiter verteilt als fossile Rohstoffe. Das kann Transportwege ver­kürzen, dem Trend zur Lokalisierung der Produktion entgegenkommen, die Ver­sorgung unabhängiger von einzelnen Exportländern und weniger empfindlich für Störungen der Lieferketten machen. Auch bei Biomasse kann es jedoch zu Eng­pässen kommen: Quarantänemaßnahmen im Gefolge der Corona-Krise behinderten den Palmölexport aus Südostasien; der Krieg um die Ukraine beeinträchtigt u.a. den Weizenhandel.

Die vermehrte Nutzung von Biomasse kann der Biodiversität nutzen, zum Beispiel weil das Spektrum der Industriepflanzen viel größer ist als die heute überwiegend genutzten Nahrungs- und Futterpflanzen. Eine noch intensivere Bewirtschaftung der Biosphäre kann aber auch zu mehr Monokulturen und Pestizidverbrauch führen, die Artenvielfalt und den Wasserhaushalt gefährden und Treibhausgase freisetzen – also heute schon bestehende Umweltprobleme verschärfen.

Fruchtbare Böden sind nicht kurzfristig erneuer- oder ersetzbar, was einen sorg­samen Umgang mit dieser zunehmend knappen Ressource und ein voraus­schauen­des Boden­manage­ment erfordert. Besonders in Europa wird befürchtet, dass es bei der Flächennutzung zu einer Konkurrenz von Lebensmittelproduktion einerseits und Treibstoffen, Chemikalien und anderen Materialien andererseits kommen könnte. Die Politik drängt auf einen Vorrang der Ernährungssicherung. Zu einer Schwierigkeit entwickelt sich auch zunehmend die Versorgung mit sauberem Wasser.

Bioökonomie kann regionale Wertschöpfung ermöglichen, Innovationen und mo­der­ne Arbeitsplätze in ländliche Räume bringen. Wenn Strukturwandel und wissen­schaft­licher Fortschritt die Produktivität erhöhen, können aber auch herkömmliche Arbeitsplätze wegfallen. Besonders umstritten sind Vorteile und Risiken der Gen­technik, bzw. von gentechnisch veränderten Organismen.

Für eine biobasierte Wirtschaft könnte die bislang zum Teil große Volatilität der Preise für biologische Rohstoffe zum Problem werden. Bei vielen biobasierten Erzeugnissen ist der Umfang der Produktion auch noch sehr gering, und es gibt noch wenig Erfahrung mit der (groß)industriellen Umsetzung von Erkenntnissen aus dem Labor.

 

1.2 Staatshilfen und Regulierung für Bioökonomie

Rund um die Welt sehen Regierungen große Chancen in nachwachsenden Roh­stoffen: Eine biobasierte Wirtschaft soll nicht nur Klimawandel, Artensterben und andere Umweltprobleme mildern, sondern auch die politisch riskante Abhängigkeit von wenigen Erdöl- und Erdgas-Exporteuren verringern und die Erholung nach der Corona-Krise vorantreiben. Viele Länder erhoffen sich davon auch einen wirtschaft­­lichen Aufschwung und neue Arbeitsplätze für struktur­schwache Regionen, das heißt für periphere, landwirtschaftlich geprägte Gebiete mit bislang kaum entwickeltem Industrie- und Dienstleistungssektor, aber auch für alte indu­strielle Problemregionen, wie zum Beispiel das Ruhrgebiet.

Bereits ungefähr 20 Regionen und Staaten haben eigene Bioökonomie-Strategien ver­abschiedet, um den Umgang mit biogenen Ressourcen umfassend zu regeln, über Ressort- und Sektorgrenzen hinweg die Produktion und Nutzung biologischer Ressourcen kohärent zu unterstützen und Innovationen in diesem Bereich zu för­dern. Bioökonomie-Strategien haben derzeit:

  • in Afrika: Südafrika
  • in Amerika: USA, Costa Rica
  • in Asien: Japan, Thailand, Malaysia
  • in Europa: Europäische Union, Nordischer Ministerrat, die EU-Mitglieder Österreich, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Lettland und Spanien, das EWR-Mitglied Norwegen, und Großbritannien.

Besonders ambitioniert sind dabei die Europäische Union und Deutsch­land, deren Maßnahmen weiter unten ausführlicher vorgestellt werden.

 Rund 60 Staaten haben politische Strategien, die für Bioökonomie relevant sind. Zu den Förder­maß­nahmen gehören unter anderem Beschaffungsprogramme und ver­pflichtende Quoten für Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen, staatliche Kredite und Subventionen, aber auch Forschungsprojekte und Imagekampagnen. Bio­kunst­stoffe profitieren auch davon, dass immer mehr Länder Einweg- und Wegwerf­pro­dukte aus Kunststoff verbieten, bzw. Recycling-Quoten vorgeben. Indirekt profitieren biobasierte Produkte von Steuern und Handelssystemen für CO2-Emissionen.

 

1.2.1 Welt

Auf einem „Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung“ haben die Vereinten Nationen im Jahr 2015 die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ verabschiedet: 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (englisch: Sustainable Development Goals, SDGs), die ebenso wie 169 konkrete Unterziele für alle Staaten gelten sollen. Bioökonomie kann zu verschiedenen Zielen der Globalen Nachhaltigkeitsagenda bei­tragen, besonders „Ernährungssicherheit und nachhaltige Landwirtschaft“ (SDG 2), „Nachhaltige und moderne Energie“ (SDG 7), „Nachhaltiges Wirtschaftswachstum“ (SDG 8), „Wider­standsfähige Infrastruktur und nachhaltige Industrialisierung“ (SDG 9), „Nach­haltige Konsum- und Produktionsweisen“ (SDG 12), „Klimaschutz“ (SDG 13), „Bewahrung und nachhaltige Nutzung der Ozeane, Meere und Meeres­ressourcen“ (SDG 14) und „Landökosysteme schützen und nachhaltig nutzen“ (SDG 15). Entsprechend werden nationale Bioökonomie-Strategien oft mit diesen Nach­haltigkeitszielen der UNO verknüpft.

Die OECD, eine Vereinigung von 38 Industriestaaten, hat bereits im Jahr 2009 einen Report mit dem Titel „The Bioeconomy to 2030: designing a policy agenda“ veröffent­licht, der viele Regierungen beeinflusste. Der Report sollte unter anderem „Grund­lagen für die langfristige Entwicklung der Bioökonomie vorbereiten“, die „Vernach­lässigung der Landwirtschaft und der industriellen Biotechnologien umkehren“, „Hindernisse für biotechnologische Innovation abbauen“ und „kommerzielle Anwen­dungen für Biotechnologie-Forschung fördern“. Im Jahr 2018 präsentierte die OECD den Bericht „Meeting Policy Challenges for a Sustainable Bioeconomy, der Überlegungen zur nachhaltigen Nutzung von Biomasse anstellt, das heißt der Vereinbarkeit von Lebensmittel- und Industrieproduktion, Bioraffinerie-Modelle vor­stellt und den Einsatz von Biotechnologien wie Synthetische Biologie, Pathwaydesign (metabolic engineering) und Genomeditierung behandelt, um fossile Rohstoffe zu ersetzen.

Der Global Bioeconomy-Summit (GBS), der von der deutschen Bundesregierung ausgerichtet und finanziert wird, ist ein international bedeutender Treffpunkt der Bioökonomie-Szene. Bisher fand diese Konferenz dreimal statt: 2015 und 2018 in Berlin, 2020 als Online-Veranstaltung mit mehr als 3.000 Teilnehmern (gbs2020.net). Organisiert wird der Gipfel vom International Advisory Council on Global Bio­economy (IACGB, iacgb.net), einem informellen Zusammenschluss von rund 40 Vertretern von Regierungen, Konzernen und Forschungseinrichtungen.

Eine weitere globale Plattform für Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie ist das World BioEconomy Forum (wcbef.com), das seit 2018 von Finnland aus Konferenzen und Roundtables organisiert.

Der Roundtable on Sustainable Biomaterials (RSB,rsb.org) ist eine Vereinigung von über 100 Industrieorganisationen, Konzernen, NGOs und Forschungs­ein­rich­tun­gen aus aller Welt. RSB arbeitet an Standards und Zertifizierung für Biomaterialien, Bio­kraftstoffe und Biomasse-Produktion. RSB unterstützt besonders die Entwicklung von Bio-Treibstoffen für die Luftfahrt („sustainable aviation fuels“, SAF), bietet aber auch zum Beispiel Zertifizierung für Biomasse aus gentechnik-freiem Anbau („Non-GMO-Cultivation“) oder von Kleinbauern („Smallholder Groups“).

 

1.2.2 Europa

1.2.2.1 Europäische Union

Die EU präsentierte Ende 2019 einen „Green Deal“: Bis 2050 soll die EU „klima­neutral“ werden, d.h. den Übergang zu einer „ressourceneffizienten und wett­bewerbs­fähigen Wirtschaft“ schaffen, die keine Netto-Treibhausgase mehr ausstößt und ihr Wachstum vom Rohstoffverbrauch abkoppelt. Bis 2030 soll der Ausstoß von Treibhausgasen im Vergleich zum Jahr 1990 um mindestens 55% verringert werden. In den „Green Deal“ sollen insgesamt 1,8 Billionen Euro investiert werden, das heißt rund ein Drittel der Investitionen aus dem Konjunkturpaket „Next Generation EU“ für den Wiederaufbau nach der Corona-Krise und dem aktuellen Siebenjahreshaushalt der EU. Bereits bestehende Einrichtungen wie das Forschungsprogramm „Horizont Europa“ und der Europäische Fonds für regionale Entwicklung sollen darauf ausgerichtet werden.

Im Rahmen des Green Deals und seiner Zielvorgabe von grünem Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit werden bestehende Vorschriften revidiert und neue Strategien, Aktionspläne und Agenden verabschiedet. Diese Texte sind selbst nicht rechtlich bindend, kündigen aber meist konkrete Gesetze zu einzelnen Themen an. Für die Bio­ökonomie relevant sind insbesondere diese Vorgaben:

  • Industriestrategie (10.3.2020):

Zu einem „weltweit wettbewerbsfähigen, grünem und digitalen Europa“ sollen u.a. die Dekarbonisierung energieintensiver Industrien, eine Allianz für grünen Wasserstoff und ein umweltgerechtes öffentliches Beschaffungswesen beitragen. Angekündigt werden auch eine Allianz für emissionsarme Industrien und eine neue KMU-Strategie.

 

  • Zweiter Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft (11.3.2020):

Während der erste EU-Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft 2015 in erster Linie auf die Abfallwirtschaft abgezielt hatte, setzt dieser Aktionsplan bereits am Anfang der Produktionskette an, also beim Design von Produkten. In der EU verkaufte Produkte sollen über eine längere Lebensdauer verfügen, leichter wiederverwendet, repariert und recycelt werden können und einen größtmöglichen Anteil recycelter Materialien statt Primärrohstoffe enthalten. Einwegprodukte sollen eingeschränkt werden. Zu den Branchen, für die konkrete Vorschriften angekündigt werden, gehören u.a. Verpackungen, Kunststoffe, Textilien und das Bauwesen. Am 12.05.2021 hat die EU-Kommission einen Null-Schadstoff-Aktionsplan präsentiert, der alle einschlägigen EU-Politikfelder bei der Verschmutzungsbekämpfung und -prävention einbindet. Angekündigt wird eine Überprüfung des EU-Abfallrechts, um „die Grundsätze der sauberen Kreislaufwirtschaft in die Vorschriften einzubinden“.

 

  • Farm-to-Fork-Strategie (20.5.2020):

Lebensmittel sollen fair produziert, gesund und umweltfreundlich sein; das ganze Lebens­mittelsystem soll „nachhaltig“ werden. Geplant sind 27 Maßnahmen, u.a. gegen Lebens­mittelverschwendung. Bis 2030 sollen 25% des EU-Agrarlandes und ein wesentlicher Teil der Aquakulturen auf Bio-Landwirtschaft („organic farming“) umgestellt werden. Die Landwirtschaft soll aber auch auf Innovation und digitale Technik setzen. Am 25.3.2021 hat die EU-Kommission einen „Aktionsplan für den Bio-Sektor“ veröffentlicht: Mindestens 30% des Forschungs- und Innovationsbudgets in den Bereichen Landwirtschaft, Forstwirtschaft und ländliche Räume soll Themen gewidmet werden, die für ökologischen/ biologischen Anbau relevant sind.

 

  • Biodiversitätsstrategie 2030 (20.05.2020):

Mindestens 30 % der europäischen Land- und Meeresgebiete sollen in „wirksam bewirtschaftete Schutzgebiete“ umgewandelt und geschädigte Ökosysteme sollen wieder hergestellt werden. Dazu sollen u.a. Gesamteinsatz und Risiko von Pestiziden deutlich verringert, d.h. bis 2030 halbiert werden. Außerdem sollen mindestens 3 Milliarden Bäume gepflanzt werden. Der Verlust an biologischer Vielfalt wird als Problem für die Wirtschaft und für die Sicherheit gesehen: Naturkapital liefert wichtige Ressourcen für Industrie und Landwirtschaft. Für die Förderung von biologischer Vielfalt und Wiederherstellung werden im aktuellen mehrjährigen EU-Budget rund 100 Milliarden Euro bereitgestellt.

 

  • Nachhaltigkeitsstrategie für Chemikalien (14.10.2020):

Für eine „schadstofffreie Umwelt“ sollen schrittweise die „schädlichsten Chemikalien“ verboten und auf Tierversuche verzichtet werden. Geplant ist auch ein Exportverbot für Stoffe, die in der EU verboten sind. Bei der Bewertung von Umwelt- und Gesundheitsrisiken sollen künftig auch Cocktail-Effekte berücksichtigt werden, also das Zusammenwirken verschiedener Chemikalien. Um das „Null-Schadstoffe-Ziel“ zu erreichen, soll die Chemieindustrie mit verschiedenen Innovations- und Investitions­maßnahmen begleitet werden. Das dafür relevante EU-Recht soll vereinfacht und die REACH-Verordnung nach dem Grundsatz „Keine Daten, kein Markt“ gestärkt werden.

 

  • Konzept für eine nachhaltige blaue Wirtschaft (17.05.2021)

Um Klimaneutralität und das Null-Schadstoff-Ziel zu erreichen, schlägt die EU-Kommission diverse Maßnahmen für die mit Ozeanen, Meeren und Küsten verbundenen Industriezweige und Sektoren vor. Der neue Europäische Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds (European Maritime, Fisheries and Aquaculture Fund, EMFAF) soll sie insbesondere mit seiner „BlueInvest“-Plattform und einem neuen BlueInvest-Fonds finanzieren. Angekündigt werden u.a. Verbote von Kunst­stoffen und Mikroplastik, aber auch Projekte zur Nutzung von Algen.

 

  • Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien (30.3.2023)

Die EU-Kommission kündigt Vorschriften an zu Design-Anforderungen für langlebige, reparatur- und recycelfähige Textilien. Zur Kennzeichnung soll ein digitaler Produkt­pass eingeführt werden. Die unbeabsichtigte Freisetzung von Mikroplastik aus synthetischen Textilien soll bekämpft werden.

 

Eine eigene Bioökonomie-Strategie hat die Europäische Union bereits im Jahr 2012 verabschiedet. Diese wurde im Oktober 2018 aktualisiert mit einem „Aktions­plan für den Aufbau einer nachhaltigen und kreislauforientierten Bioökonomie“. Mit 14 konkreten Maßnahmen sollen drei Hauptziele verfolgt werden:

  1. Ausweitung und Stärkung der biobasierten Sektoren: Die EU-Kommission will eine mit 100 Milliarden Euro ausgestattete Investitionsplattform für die kreislauforientierte Bioökonomie einrichten und die Entwicklung neuer nachhaltiger Bioraffinerien in ganz Europa erleichtern.
  2. Schnelle europaweite Einführung der Bioökonomie: Um das Potenzial für die Nutzung von Biomasse und Abfällen zu mobilisieren, besonders in Mittel- und Osteuropa, will die EU-Kommission u.a. Mittel zur Unterstützung der Bioökonomie bereitstellen und Pilotmaßnahmen in die Wege leiten.
  3. Schutz des Ökosystems und Erforschung der ökologischen Grenzen der Bioökonomie: Gründung eines Monitoringsystems und Wissenszentrums für Bioökonomie.

 

Forschungs- und Innovationsförderung:

Bereits im 8. EU-Förderprogramm für Forschung und Innovation „Horizont 2020“ waren „Forschung, Demonstration und Einsatz nach­haltiger, integrativer und kreis­lauf­orientierter biobasierter Lösungen“ mit 3,85 Milliarden Euro gefördert worden.

Im Rahmen von „Horizont 2020“ war von 2014 bis 2020 das Bio-based Industries Joint Undertaking (BBI JU, bbi.europa.eu) aktiv, eine Public-Private-Partner­schaft der EU und des Bio-based Industries Consor­tium (BIC, biconsortium.eu). An der „Strategic Innovation and Research Agenda“ (SIRA) des BIC beteiligten sich 142 Projekte in 31 Staaten. Von den 3,7 Milliarden Euro, die dabei mobilisiert wurden, stammten 835 Millionen Euro aus EU-Mitteln. Eines der bleibenden Ergebnisse ist die Datenbank Pilots4U (biopilots4u.eu), die europaweit „open access“ Pilot- und Mehrzweck-Demonstrationsanlagen der Bioökonomie verzeichnet.

Mit 100 Millionen Euro von der Europäischen Investitionsbank (EIB) wurde im Jahr 2020 der European Circular Bioeconomy Fund (ECBF, ecbf.vc) gegründet. Dieser in Luxemburg beheimatete Impact-Fonds befasst sich als erster Venture-Capital-Fonds ausschließlich mit der Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft in Europa, das heißt in den 27 EU-Staaten und 16 weiteren Ländern, die mit „Horizont 2020“ assoziiert sind. Das ursprünglich anvisierte Zielvolumen von 250 Millionen Euro wurde mit 300 Millionen Euro übertroffen. Investiert wird jetzt in Unternehmen in der Wachstumsphase, das heißt in Projekte von mindestens 5 Millionen Euro.

Das aktuelle 9. Förderprogramm „Horizont Europa“ hat für die Periode 2021 bis 2027 ein Budget von insgesamt 95,5 Milliarden Euro. Im Rahmen der sogenannten zweiten Säule „Global Challenges & European Industrial Competitveness“, für die 53,8 Milliarden Euro zur Verfügung stehen, gelten biobasierte Produkte als einer von sechs besonders aussichtsreichen Zukunftsmärkten. Im Rahmen der dritten Säule „Innovative Europe“ werden Wissens- und Innovationsgemeinschaften (Knowledge and Innovation Communities, KICs) gefördert, die vom Europäischen Institut für Innovation und Technologie (EIT) in Budapest koordiniert werden. Die KICs sind meist als Public-Private-Partnerships organisiert. Die EIT-Climate-KIC zum Beispiel arbeitet zu Themen wie „Sustainable Land Use“ und „Sustainable Production Systems“; EIT-RawMaterials befasst sich mit Rohstoffen; EIT-Manufacturing richtet u.a. in Darmstadt und Wien „Manufacturing Innovation Hubs“ ein.

Der Nachfolger des BBI JU in der Periode 2021 bis 2031 ist das Circular Bio-based Europe Joint Undertaking (CBU JU, cbe.europa.eu). Diese Partner­schaft von EU und Bio-based Industries Consortium (BIC) finanziert unter „Horizont Europa“ Projekte, die „competitive circular bio-based industries“ voranbringen. Die EU stellt dafür 1 Milliarde Euro zur Verfügung und hofft, dass industrielle Partner mindestens eine weitere Milliarde Euro investieren.

Mit der EU-Kommission und CBU JU kooperiert das European Bioeconomy Net­work (EuBioNet, eubionet.eu), eine Allianz von 110 EU-finanzierten Projekten und Initiativen. Dazu gehören u.a. auch Einrichtungen zur Berufsausbildung für Bio­ökonomie. Eine informelle Vereinigung von europäischen Bioökonomie-Organisationen ist die European Bioeconomy Alliance (EUBA, bioeconomy­alliance.eu). Mit Bioraffinerien befassen sich die Mitglieder des Biorefine Cluster Europe (biorefine.eu). In der strategischen Europäischen Partnerschaft 3BI Bioeconomy Intercluster (3bi-intercluster.org) arbeiten Innovationscluster aus Deutschland (CLIB, BioEconomy), Frankreich (IAR), Nieder­lande (Biobased Delta) und Großbritannien (BioVale) zusammen.

 

Monitoring:

Die Gemeinsame Forschungsstelle (Joint Research Centre, JRC) der EU-Kommission hat ein „Wissenszentrum für Bioökonomie“ eingerichtet (Knowledge Centre for Bioeconomy: knowledge4policy.ec.europa.eu/bioeconomy), das Daten zur Bioökonomie sammelt und aufbereitet. Das „EU Bioeconomy Monitoring System“ überwacht Indikatoren zur Bioökonomie, das heißt zu den Fortschritten des EU-Green-Deals, aber auch zu den SDG-Zielen der UNO. Im Mai 2022 wurde zum zehnjährigen Jubiläum der Bioökonomie-Strategie ein „EU Bioeconomy Strategy Progress Report“ veröffentlicht.

 

1.2.2.2 Deutschland

Deutschland will bei der Bioökonomie eine internationale Spitzenstellung einnehmen. Dazu haben bereits im Jahr 2009 die Bundesministerien für Forschung (BMBF) und Landwirtschaft (BMEL) als unabhängiges Beratungsgremium für die Bundes­regierung den Bioökonomierat (BÖR, biooekonomierat.de) eingerichtet. Die 20 Mitglieder werden für jeweils drei Jahre ernannt; in der Periode 2021 bis 2023 wird die Geschäftsstelle von der VDI Technologiezentrum GmbH in Berlin betreut.

Als eines der ersten Länder veröffentlichte Deutschland Ende 2010 ein Strategie­papier Im Rahmen der auf sechs Jahre angelegten „Nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie 2030“ wurden 2,4 Milliarden Euro investiert. Im Jahr 2013 folgte die „Nationale Politikstrategie Bioökonomie“, um die entsprechenden Regierungs­aktivi­täten aufeinander abzustimmen und mögliche Zielkonflikte zu entschärfen.

Im Januar 2020 verabschiedete die deutsche Bundesregierung die „Nationale Bioökonomie­strategie“, um ihre Aktivitäten für die Klimaschutz-Vorgaben der EU und die SDG-Ziele der UNO zu bündeln. Die Ziele: Wirtschaft und Gesellschaft sollen unab­hängiger von fossilen Rohstoffen werden; Biomasse soll „ausgewogen, effizient und umweltverträglich verwendet“ werden, wobei die Ernährungssicherung Vorrang haben soll; Deutschland soll zum „führenden Innovationsstandort der Bioökonomie“ werden.

Im November 2020 veröffentlichte das Forschungsministerium BMBF eine „Forschungs­strategie für Nachhaltigkeit“ (FONA). Sie stellt die Agenda 2030 der UNO und die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung in den Mittelpunkt. Zu den acht prioritären Handlungsfeldern gehören die Verminderung der Treibhausgase, die Sicherung der natürlichen Ressourcen, die Kreislaufwirtschaft und die innovative Gestaltung von Regionen.

 

Forschungs- und Innovationsförderung:

Forschung zu Bioökonomie gibt es in Deutschland derzeit an 73 Uni­ver­sitäten, 64 Fachhochschulen, 156 außeruniversitären Instituten (z.B. der Fraunhofer Gesell­schaft) und 40 Einrichtungen der Ressortforschung (Anstalten des Bundes oder der Bundesländer). Zunehmend werden auch Studiengänge zu Bioökonomie und Nach­haltigkeit angeboten.

Im Zeitraum 2020 bis 2024 stellen die Bundesministerien für Forschung (BMBF) und Landwirtschaft (BMEL) für Bioökonomie-relevante Innovationen und praxisnahe For­schungs­projekte 3,6 Milliarden Euro zur Verfügung. Derzeit werden 1.450 Projekte gefördert (510 vom BMBF, 825 vom BMEL und 115 weitere vom Wirtschafts­ministe­rium BMWK).

Um innovative Ansätze für biobasierte Wirtschaft schneller in die Anwendung zu bringen, fördert das Forschungsministerium BMBF im Zeitraum 2019 bis vorerst 2025 mit jeweils 20 Millionen Euro die „Innovations­räume Bio­ökonomie“, vier große Netzwerke von Forschungseinrichtungen, Un­ter­nehmen und Ver­bänden:

  • Blaue Bioökonomie / Bioökonomie in Marinen Standorten (BaMS, blaue-biooekonomie.de)

45 Partner, davon 28 Unternehmen. Koordination: Universität Kiel

Ziel: nachhaltige Nutzung aquatischer Ressourcen und aquatische Kreislauf­wirt­schaft in Norddeutschland

  • NewFoodSystems (NFS, newfoodsystems.de)

59 Partner, davon 40 Unternehmen. Koordination: Max Rubner-Institut, Karlsruhe

Ziel: innovative Produktionssysteme für Lebens- und Futtermittel, zum Beispiel Insekten oder Algen als alternative Proteinquellen.

  • BioBall / Bioökonomie im Ballungsraum (biooekonomie-metropolregion.de)

31 Partner, davon 16 Unternehmen. Koordination: Provadis Hochschule, Frankfurt

Ziel: stoffliche Nutzung biogener Rest- und Abfallstoffe in der Metropolregion Frankfurt am Main.

  • Biotexfuture (biotexfuture.de)

78 Partner, davon 56 Unternehmen. Koordination: RWTH Aachen und Adidas

Ziel: biobasierte Textilien auf Basis nachhaltiger Rohstoffkreisläufe. Der Fokus liegt auf biobasierten Polymeren, Fasern und Beschichtungen. Eigene Ausschreibungen für Seed-Fund- und Accelerator-Projekte.

 

Mit Mitteln aus dem „Sofortprogramm des Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen“, das den bis 2038 geplanten Ausstieg aus der Braunkohle-Stromerzeugung abfedern soll, fördert das BMBF seit 2022 den Aufbau der „Modellregion Bioökonomie im Rheinischen Revier“ (BioökonomieREVIER, biooekonomierevier.de). Am For­schungs­zentrum Jülich wurde dazu eine Koordinierungsstelle eingerichtet. Für rund 21 Millionen Euro werden Bioökonomie-Innovationslabore gefördert, um für unterschiedliche Branchen neue regionale Wertschöpfungsketten zu schaffen und neue Geschäftsmodelle zu etablieren. Bis 2026 werden mit 71,7 Millionen Euro Forschungsprojekte gefördert. Unter anderem wurde an der RWTH Aachen ein „Kompetenzzentrum zur biologischen Transformation der Materialwissenschaft und Produktionstechnik“ (Bio4MatPro, bio4matpro.rwth-aachen.de) eingerichtet.

Für kleine und mittlere Unternehmen bis 1.000 Mitarbeiter und 100 Millionen Euro Jahres­umsatz ist die BMBF-Fördermaßnahme „KMU-Innovativ: Bioökonomie“ ge­dacht, die „technologisch anspruchsvolle, risikoreiche Projekte“ unterstützen soll, die „die effiziente Nutzung von biologischem Wissen mit innovativen Lösungen ver­einen“. Zuständig ist der Projektträger Jülich (PTJ, ptj.de).

Das Landwirtschaftsministerium BMEL fördert über das Programm „Nach­wach­sen­de Rohstoffe“ pro Jahr rund 900 Forschungs-, Entwicklungs- und Demonstrations­projekte mit insgesamt ca. 90 Millionen Euro. Zuständig ist dafür die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR, fnr.de). Für die Bioökonomie relevant sind auch die Einrichtungen der Ressortforschung des BMEL, z.B. das Thünen-Institut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei (15 Fachinstitute, Hauptsitz Braunschweig), das Julius-Kühn-Institut für Kulturpflanzen (20 Fachinstitute, Hauptsitz Quedlin­burg) und das Deutsche Biomasseforschungszentrum (DBFZ) in Leipzig.

Das Bundeswirtschaftsministerium BMWK hat die Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie“ gegründet, um den Austausch von Vertretern aus Industrie, Ver­bän­den, Wissenschaft, Gewerkschaften und Ministerien zu erleichtern und Koopera­tionen zwischen Forschung und Industrie zu fördern. Gearbeitet wird u.a. an einer Online-Landkarte für Unternehmen im Bereich der Bioökonomie. Ende 2020 legte das BMWK ein „Förderprogramm zur Nutzung und zum Bau von Demonstra­tions­anlagen für die industrielle Bioökonomie“ auf. Es richtet sich einerseits an Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen, die Mehrzweckdemonstrationsanlagen nutzen können, andererseits an Unter­nehmen, die Leuchtturmprojekte der indu­striellen Bioökonomie planen. Das BMWK fördert auch 28 so genannte „Beispiel­regionen der industriellen Bioökonomie“, z.B. das Mitteldeutsche Revier, wo in Leuna das Zentrum für Chemisch-Biotechnologische Prozesse (CBP) die Lücke zwischen Labor und industrieller Umsetzung schließt.

Gefördert vom BMBF werden an der Universität Kassel im Rahmen des Projekts SYMOBIO (symobio.de) die wissenschaftlichen Grundlagen für ein Monitoring und für die Modellierung der Bioökonomie in Deutschland entwickelt, wobei auch die SDG-Ziele der UNO überwacht werden sollen.

Zur Popularisierung der Bioökonomie wurde das „Wissenschaftsjahr 2020/21“ diesem Thema gewidmet (wissenschaftsjahr.de/2020-21/). Die Informations­plattform Bioökonomie.de ist ein bleibendes Ergebnis dieser Aktion. Die Internet­plattform Pflanzenforschung.de informiert zu den Programmen der Nutzpflanzen­forschung, die unter dem Titel „PLANT 2030“ vom BMBF gefördert werden. Über Forschung und Fördermaßnahmen für Nachhaltigkeit, bzw. deutsche Beiträge zu den SDG-Zielen der UNO informiert die Plattform FONA (fona.de).

 

Deutsche Bundesländer:

Nicht nur die Bundesregierung, auch Landesregierungen fördern die Bioökonomie. Baden-Württemberg zum Beispiel veröffentlichte 2013 eine Forschungsstrategie und ein Forschungsprogramm zur Bioökonomie. 2019 wurde die „Landesstrategie Nachhaltige Bioökonomie Baden-Württemberg“ verabschiedet. Das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) und das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft (UM) haben dazu verschiedene Förder­programme aufgelegt. Für den Zeitraum bis 2024 werden dafür insgesamt rund 50 Millionen Euro bereit­gestellt (biooekonomie.baden-wuerttemberg.de).

Bayern hat 2015 einen eigenen „Sachverständigenrat Bioökonomie Bayern“ (SVB, biooekonomierat-bayern.de) ge­gründet. Im Jahr 2020 wurde die Strategie „Zukunft.Bioökonomie.Bayern“ verabschiedet. Ihr Ziel ist es, fossile Rohstoffe auch in der Warenproduktion zunehmend überflüssig zu machen. Zu den 50 Maßnahmen zu ihrer Umsetzung gehören zum Beispiel Weiterbildungsangebote für die Landes­verwaltung, die Erfassung von Daten zur Ressourcen­verfügbarkeit und zu regionalen Biomasse-Strömen im Rahmen des Projekts „BioReSt“, die Investoren­konferenz „VentureCon Bioeconomy“ in München, das Förderprogramm „BayBioökonomie-Scale-Up“ für Produktionsanlagen zur stofflichen Nutzung nachwachsender Roh­stoffe und „BioCampus MulitPilot (BMP)“, eine vom Freistaat Bayern mit 40 Millionen Euro geförderte neue Mehrzweck-Demonstrations­anlage für die Produktion bio­­basierter Chemikalien, die ab 2024 in Straubing ihren Betrieb aufnehmen soll (stmwi.bayern.de/biooekonomie/). Unter dem Dach des „Kompetenzzentrums für Nachwachsende Rohstoffe“ (KoNaRo, konaro.de) arbeiten in Straubing der „TUM–Campus Straubing für Biotechnologie und Nachhaltigkeit“, ein Technologie- und Förderzentrum und das Centrale Agrar-Rohstoff Marketing- und Energie-Netzwerk (C.A.R.M.E.N. e.V.) zusammen.

Nordrhein-Westfalen veröffentlichte 2013 eine Bioökonomie-Strategie mit den Schwerpunkten Biopolymere, Bioraffinerien und Biopharmazeutika. Die Landes­regierung fördert die Bioökonomie-Zusammenarbeit von Unternehmen, Forschungs­einrichtungen und Staat im Rahmen der Cluster „BIO.NRW“ (Biotech, bio.nrw.de), „CLIB“ (Industrielle Biotechnologie, clib-cluster.de) und – zu­sam­men mit belgischen und niederländischen Partnern – „BIG-C“ (Bio-Innovation, bigc-initiative.eu). Wissenschaftliche Forschung zu Biomasse und biobasierten Produkten und Prozessen wird gebündelt im Kompetenzzentrum „Bioeconomy Science Center“ (BioSC, biosc.de), das von den Universitäten Aachen, Düsseldorf und Bonn und dem Forschungszentrum Jülich getragen wird. Für den KMU- und Start-up-Förderwettbewerb „ZukunftBIO.NRW“ (zukunftbio.nrw) zu den Themen Zukunfts­medizin, Infektiologie und Biobasierte Industrie stellt die Landesregierung 54 Millionen Euro bis 2025 zur Verfügung.

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind die Schwerpunktregion des Spitzenclusters „BioEconomy“ (bioeconomy.de), einem Verbund von Unternehmen, For­schungs­einrichtungen und anderen Organisationen, der aus einem Wettbewerb des BMBF hervorgegangen war. Zu den Projekten gehört z.B. der „BioEconomy InnovationFonds“, der Innovationen und Geschäftsmodelle im bioökonomischen Umfeld finanziell unterstützt. Die drei Bundesländer planen eine gemeinsame „Bioökonomieregion Mitteldeutschland“.

 

1.2.2.3 Österreich

Die österreichische Bundesregierung hat mit Blick auf die EU-Bioökonomiestrategie, die UN-Agenda 2030 im März 2019 eine eigene Bioökonomiestrategie ver­öffent­licht. Sie greift besonders die „Waldstrategie 2020+“ auf, die angesichts der Be­deutung von Forstwirtschaft, Holzindustrie und Papierherstellung in Österreich bereits im Jahr 2018 verabschiedet wurde. „Bioökonomie – eine Strategie für Öster­reich“ soll für alle in diesem Zusammenhang relevanten Handlungsfelder bis zum Jahr 2030 Orientierung geben. Dazu wird derzeit von den drei Bundes­mini­sterien, die für Nachhaltigkeit, Bildung, Wissenschaft, Forschung, Innovation und Technik zuständig sind, ein „Aktionsplan für Bioökonomie“ erarbeitet. Das Arbeits­papier „Bioökonomie-Forschung, Technologie, Innovation (FTI)-Strategie“ formuliert bereits Themenfelder, in denen sich Österreich als Kompetenzstandort positionieren will.

Das Regierungsprogramm 2020-2024 der derzeitigen Bundes­regierung aus ÖVP und Grünen sieht die Förderung der Bioökonomie vor allem als Beitrag zum Klima­schutz. Konkret geplant sind u.a. eine „nachhaltige Beschaffung“ der öffentlichen Hand, bis zum Jahr 2024 die Etablierung eines Bioökonomie­clusters und die „Gründung von biobasierten Bildungszentren“ (Geschäftsstelle: Zentrum für Bio­ökonomie an der Universität für Bodenkultur in Wien, boku.ac.at/zentrum-fuer-biooekonomie), die Aufstockung der Grundlagenforschung, mehr angewandte For­schung zur stofflichen und energetischen Verwertung biogener Materialien, der Start einer „Imagekampagne für bioökonomiebasierte Produkte“, die Weiterentwicklung bestehender Gütesiegel und Labels, sowie die stärkere Ein­bindung von Bioökonomie in schulische, akademische und berufliche Bildungs­angebote.

Das Netzwerk Bio­economy Austria (bioeconomy-austria.at), das sich derzeit v.a. mit der Nutzung von Holz beschäftigt, ist das Fundament für den geplanten natio­na­len Bioökonomie-Cluster. Weitere für die Bioökonomie relevante österreichische Organisationen sind die Plattform für nachhaltige Ent­wick­lung ÖGUT (oegut.at), die Innovationsplattform für Bioökonomie und Kreislauf­wirtschaft BioBASE (biobase.at), der Österreichische Biomasse-Verband (bio­masse­verband.at), der Kompost- und Biogasverband (kompost-biogas.info), die Vereinigung der Österreichischen Papierindustrie (austropapier.at), das Circular Economy Forum Austria (circulareconomyforum.at), aber auch regionale Cluster wie der Cleantech-Cluster in Oberösterreich (cleantech-cluster.at), der Green Tech Cluster in der Steiermark und Kärnten (greentech.at), die Niederösterreichische ecoplus-Plattform für Green Transformation & Bioökonomie (ecoplust.at), der Holz­cluster Steiermark (holzcluster-steiermark.at) und der Holzcluster proHolz Tirol (proholz-tirol.at).

 

1.2.3 USA

Charakteristisch für die Bioökonomie in den USA ist die Betonung von Biotechnologie und Innovation. Der Ausgangspunkt für das US-Interesse an Bioökonomie war ursprünglich der Wunsch, das Land mithilfe von Biosprit unabhängig von Erdöl-Importen zu machen. Später kamen auch biobasierte Produkte in den Blick. Bereits 1999 gab Präsident Bill Clinton das Ziel vor, den Verbrauch von biobasierter Energie und Produkten bis zum Jahr 2010 zu verdreifachen.

Anders als in der EU sind heute in den USA die Branchen Medizin und Gesundheit Schwerpunkte der Bioökonomie. Im Gegensatz zur EU werden in den USA nicht die gesamte Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei der Bioökonomie zugerechnet, sondern von den Primärsektoren nur Energiepflanzen und Hightech-affine Teilbereiche, zum Beispiel Präzisionslandwirtschaft und gentechnisch veränderte Pflanzen. Traditionelle Industrien, etwa Holz-, Papier- oder Leder-Verarbeitung, werden folglich in den USA bislang nicht zur Bioökonomie gezählt.

Im Jahr 2012 veröffentlichte die US-Regierung unter Präsident Barack Obama die Bioökonomie-Strategie „National Bioeconomy Blueprint“, die von der Biomasse-Produktion bis zur Vermarktung die gesamte Wertschöpfungskette abdecken und Bioökonomie zu einem Hauptmotor der US-Wirtschaft machen soll. Sie betont besonders die Bedeutung der Biotechnologie. Ihre fünf strategischen Ziele sind: Investitionen für Forschung und Entwicklung; Erleichterung der Kommerzialisierung von Bio-Innovationen; Beschleunigung und Vereinfachung der Regulierung; Verbesserung der beruflichen und akademischen Ausbildung; Unterstützung für Public-Private-Partnerships und vorwettbewerbliche Kooperationen. Von der Regierung unter Donald Trump wurde Bioökonomie als Schwerpunkt für die nationalen Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen in den Fiskaljahren 2021 und 2022 bestätigt.

Das Energieministerium (DoE) veröffentlichte im Jahr 2016 den „Billion-Ton Report: Advancing Domestic Ressource for a Thriving Bioeconomy“. Der Bericht berechnet das Biomasse-Potential der USA und kommt zu dem Schluss, dass die USA pro Jahr mindestens 1 Milliarde Tonnen trockene Biomasse-Ressourcen (aus Land- und Forstwirtschaft, Abfällen und Algen) produzieren können, ohne der Umwelt zu schaden. Das sei ausreichend, um genug Biotreibstoffe, Bioenergie und Bioprodukte herzustellen, die rund 30% des US-Erdölverbrauchs von 2005 ersetzen können, ohne die Lebensmittelproduktion zu beeinträchtigen.

Um die Aktivitäten der US-Regierung bezüglich Bioökonomie zu koordinieren und eine nationale Bioökonomie-Initiative zu leiten, wurde der „Biomass Research and Development Board“ (BR&D Board, biomassboard.gov) mit diversen Arbeitsgruppen eingerichtet. Die Mitglieder treffen sich vierteljährlich. Federführend sind das Energieministerium (DoE) und das Agrarministerium (USDA), ansonsten nehmen auch Vertreter des Innen- (DOI), Verkehrs- (DOT) und Verteidigungsministeriums (DOD) teil, der Umweltschutzbehörde (EPA), der National Science Foundation (NSF) und des Office of Science and Technology Policy (OSTP), das den US-Präsidenten berät. Ein „Technical Advisory Committee“ besteht aus rund 30 Vertretern von Forschungseinrichtungen, Industrie und NGOs. Im Jahr 2016 veröffentlichte der BR&D Board den „Federal Activities Report on the Bioeconomy“ (FARB) zum Stand von Biotreibstoffen, Bioenergie und Bioprodukten. Zu konkreten Zielen und Aktionen wurde 2019 der Leitfaden „The Bioeconomy Initiative: Implementation Framework“ veröffentlicht. Die „Biomass R&D Initiative“ (BRDi) fördert Projekte in den Bereichen Rohstoff-Entwicklung, Biotreibstoffe und biobasierte Produkte.

Im Jahr 2020 veröffentlichten die National Academies of Science, Engineering, and Medicine (NASEM) den Bericht „Safeguarding the Bioeconomy“. Der Report gruppiert bio-ökonomische Aktivitäten in die Bereiche Landwirtschaft, Biomedizin, Bioindustrie und „ermöglichende“ Technologien und Dienstleistungen. Er schlägt eine formale Definition für Bioökonomie vor: „economic activity that is driven by research and innovation in the life sciences and biotechnology, and that is enabled by technological advances in engineering and in computing and information sciences“.

Entsprechend werden von NASEM „vier Triebkräfte der US-Bioökonomie“ identifiziert:

  • Lebenswissenschaften (v.a. Biologie und Unterdisziplinen wie Agronomie, Botanik und Mikrobiologie)
  • Biotechnologie (Anwendung der Biologie auf der Ebene des Erbguts, Gentechnik, Ge-nomeditierung, synthetische Biologie etc.)
  • Computer- und Informationswissenschaften (u.a. maschinelles Lernen, Künstliche Intelligenz zur Auswertung von Daten)
  • Ingenieurwesen (u.a. Automatisierung, Miniaturisierung, Robotik).

In diesem Sinn soll die Bioökonomie im Jahr 2016 einen direkten Beitrag von schätzungs-weise 402,5 Milliarden USD zum US-BIP geleistet haben, einschließlich von indirekten und Multiplikator-Effekten sogar 952,2 Milliarden USD – d.h. mindestens 5.1% des US-BIP.

Präsident Joe Biden versprach Anfang 2020 einen „Green New Deal“, der die USA zur „world’s clean energy superpower“ machen soll, d.h. bis 2035 mit einer CO2-freien Energieversorgung und bis 2050 „klimaneutral“. Konkreter sind der „Biden Plan for a Clean Energy Revolution and Environmental Justice“ (joebiden.com/climate-plan) und der „Biden Plan for Rural America“ (joebiden.com/rural-plan/). Angekündigt wird u.a. der Ausbau der Bioökonomie und der biobasierten Produktion. In jedem US-Staat soll ein „low-carbon manufacturing sector“ aufgebaut werden. Für dieses Ziel soll eine neue nationale Strategie Forschungseinrichtungen, Industrie, Gewerkschaften und staatliche Stellen verbinden. Betont wird auch die Bedeutung von „Ethanol und der nächsten Generation von Biokraftstoffen“, die u.a. durch öffentliche Beschaffung für staatliche Fahrzeuge gefördert werden sollen.

Staatliche Starthilfen:

Mit dem „Farm Security and Rural Investment Act“ von 2002 („2002 Farm Bill“) wurde das bis heute bestehende „BioPreferred Program“ (biopreferred.gov) des US-Agrarministeriums (USDA) gegründet. Es sieht vor, dass nationale Behörden bei öffentlichen Beschaffungen biobasierte Produkte gegenüber petrochemischen bevorzugen. Das USDA zertifiziert dazu geeignete Produktkategorien und legt jeweils den erforderlichen Bio-Mindestanteil fest. Derzeit erfasst das Programm 139 Produktkategorien (z.B. Reinigungsmittel, Farben oder Bodenbeläge) und rund 14.000 biobasierte Produkte. Zu dem Programm gehört auch das freiwillige Produktlabel „USDA Certified Biobased Product“.

Mit der „2002 Farm Bill“ wurde zur Exportförderung auch das ebenfalls bis heute bestehende „Biotechnology and agricultural trade program“ gegründet, das „nichttarifäre Barrieren“ anderer Staaten „beseitigen oder abmildern“ soll. Gemeint sind damit Hindernisse für den US-Export von landwirtschaftlichen Gütern, die mit „Biotechnologie oder neuen landwirtschaftlichen Produktionstechnologien“ (zum Beispiel Gentechnik) produziert wurden. In den Fiskaljahren 2019 bis 2023 stehen dafür pro Jahr 2 Millionen USD zur Verfügung.

Staatliche Subventionen für die US-Landwirtschaft wurden wiederholt bestätigt und modifiziert durch den „Food, Conservation, and Energy Act“ von 2008 („2008 Farm Bill“), den „Federal Agriculture Reform and Risk Management Act“ von 2014 („2014 Farm Bill“) und den „Agriculture Improvement Act“ von 2018 („2018 Farm Bill“). Dazu gehören neben dem BioPreferred-Programm auch andere Fördermaßnahmen für erneuerbare Energien und die Bioökonomie, zum Beispiel Standards und Quoten für die Beimischung von Biotreibstoffen zu konventionellen Kraftstoffen, Zuschüsse für den Bau von Bioraffinerien für Biokraftstoffe, Steuer-Ermäßigungen für Cellulose-Biotreibstoffe aus Holz, Gräsern oder nicht-essbaren Pflanzenteilen, Forschung für Energiepflanzen und ein „Biodiesel Education Program“, das Fahrzeugbesitzer auf die Vorteile von Biodiesel aufmerksam machen soll. Für Bioökonomie relevante Förderprogramme des Agrarministeriums USDA sind insbesondere das „Biomass Crop Assistance Program“ für den Anbau von Energie-Biomasse und das „Biorefinery, Renewable Chemical, and Biobased Product Manufacturing Assistance Program“. Das „Rural Business Development Grants Program“ unterstützt kleine und neugegründete Unternehmen im ländlichen Raum. Für ländliche Regionalentwicklung („Rural Development Programs“) stehen im Fiskaljahr 2022 insgesamt über 3,9 Milliarden USD zur Verfügung.

Das Bioenergy Technology Office (BETO, energy.gov/eere/bioenergy) des Energieministeriums (DoE) veröffentlichte im Jahr 2016 einen „Strategic Plan for a Thriving and Sustainable Bioeconomy“. Im Fiskaljahr 2022 fördert das Energieministerium via BETO z.B. die Ausweitung der Biotreibstoff-Produktion und die Dekarbonisierung des Verkehrssektors mit 59 Millionen USD, die Verwertung von Abfallströmen mit 34,5 Millionen USD, die Nutzung von Abfall-Kohlenstoff mit 19 Millionen USD und Maßnahmen gegen Kunststoff-Abfälle und Emissionen der Kunststoff-Industrie mit 13,4 Millionen USD.
BETO organisiert eine jährliche Ausschreibung für KMU-Projekte („Small Business Innovation Research (SBIR) / Small Business Technology Transfer (STTR) solicitation“).
Unter dem Namen „Agile BioFoundry“ (agilebiofoundry.org) gründete BETO ein Konsortium mit Industrie- und Forschungspartnern, um die Bioprodukt-Entwicklung zu beschleunigen.
BETO veranstaltet auch zwei Wettbewerbe:

  • die „2022-2023 AlgaePrize Competition“ für Studenten, die innovative Ideen in der kommerziellen Algen-Wertschöpfungskette entwickeln sollen,
  • den „Sustainable Aviation Fuel Grand Challenge“, um das Ziel der US-Regierung zu erreichen, bis 2030 pro Jahr 3 Milliarden Gallonen nachhaltige Flug-Treibstoffe (SAF) zu produzieren und 35 Milliarden Gallonen bis 2050. Für diesen Wettbewerb und die Entwicklung von SAF („drop-in fuel blending components derived from renewable or waste-based feedstocks“) stehen insgesamt bis zu 4,3 Milliarden USD zur Verfügung.

Das „Office of Energy Efficiency and Renewable Energy“ (EERE, energy.gov/eere/) des Energieministeriums hat die Aufgabe, „saubere Energie-Technologien“ zu fördern, damit die US-Wirtschaft bis 2050 klimaneutral wird („net-zero greenhouse gas emissions“). EERE investiert in Projekte zu erneuerbaren Energien und Energie-Effizienz.

Für Bioökonomie können auch andere staatliche Wirtschaftsförderungsprogramme relevant sein. Ein Beispiel ist das „Build to Scale Program“ (B2S, eda.gov/oie/buildtoscale/), mit dem die Economic Development Administration (EDA, eda.gov) des Handelsministeriums regionale „Wirtschaftsökosysteme“ fördert, das heißt Innovationen und Start-Ups. Im Jahr 2022 stehen dafür rund 45 Millionen USD zur Verfügung.
Die Small Business Administration (SBA, sba.gov) unterstützt mit dem „Regional Innovation Clusters Program“ Projekte zur Regionalentwicklung, zum Beispiel zu Schwerpunktthemen wie Agrartechnologie, Biowissenschaften oder Meeresindustrie.

Forschungs- und Innovationsförderung:

Zahlreiche Universitäten und Forschungseinrichtungen befassen sich in den USA mit Themen, die für Bioökonomie wichtig sind. In den Bundesstaaten an der West- und Ost-küste liegt der Schwerpunkt dabei auf Technologie, Bioindustrie und Biomedizin. Die landwirtschaftlich geprägten Bundesstaaten im Landesinnern setzen dagegen mehr auf Biokraftstoffe und Bioenergie. Große Institutionen sind z.B. das „Ohio Bioproducts Innovation Center“ (OBIC, bioproducts.osu.edu) an der Ohio State University, das „Bioeconomy Institute“ an der Iowa State University (BEI, biorenew.iastate.edu), das „Great Lakes Bioenergy Research Center“ an der University of Wisconsin (GLBRC, glbrc.org) und das „Michigan State University Bioeconomy Institute“ (MSU BI, bioeconomy.msu.edu). Das MSU BI ist der Nachfolger des „Michigan Biotechnology Institute“, das z.B. den PLA-Biokunststoff entwickelt hat.

Rund zwei Dutzend verschiedene Bundesministerien und Behörden fördern Forschungsprojekte zu Bioökonomie. An erster Stelle stehen dabei das Agrarministerium USDA und das Energieministerium DoE. Es sind aber auch weniger naheliegende Stellen aktiv, z.B. das Gesundheitsministerium (HHS) mit Gewebe-Forschung, das Innenministerium (DoI), dem der „Fish and Wildlife Service“ untersteht, die Weltraumagentur (NASA) oder auch das „Science and Technology Directorate“ des Ministeriums für Innere Sicherheit (DHS).

Mit der „2008 Farm Bill“ wurde das „National Institute of Food and Agriculture“ (NIFA, nifa.usda.gov) gegründet, das als Agentur des Agrarministeriums USDA die nationale Agrarforschung bündelt, darunter auch Pflanzenzüchtung und Forschung und Entwicklung zu Biomasse. Das „Bioproduct Pilot Program“ zum Beispiel untersucht den Einsatz von biobasierten Materialien für Bau- und Konsum-Produkte. Im Jahr 2020 veröffentlichte USDA einen Bericht, demzufolge Bioökonomie-Forschung bis 2025 eine der wissenschaftlichen Prioritäten des Agrarministeriums ist.

Für die National Science Foundation (NSF, nsf.gov/bio/bioeconomy.jsp) ist Biotechnologie eine von fünf „Zukunftsindustrien“. Die NSF ist eine Bundesbehörde, die für die Förderung von Grundlagenforschung zuständig ist. In Biotechnologie- und Bioökonomie-Projekte investiert NSF pro Jahr rund 250 Millionen USD, zum Beispiel im Rahmen des Programms „Understanding the Rules of Life: Emergent Networks (UroL:EN). Predicting Transformation of Living Systems in Evolving Environments“. Besonders das „NSF Directorate for Biological Sciences (BIO) fördert u.a. Genomik, synthetische Biologie, biologisches Design und Forschungen zu Ökologie und Biodiversität.

Im April 2021 wurde in St. Paul, Minnesota, das „Bioindustrial Manufacturing and Design Ecosystem“ (BioMADE, biomade.org) eröffnet. Finanziert wurde die Gründung mit 87,5 Millionen USD vom Verteidigungsministerium (DoD), das über sein „Manufacturing Technology Program“ landesweit 9 so genannte „Manufacturing Innovation Institutes“ unterhält. Das Public-Private-Partnership BioMADE ist gleichzeitig ein Mitglied von „Manufacturing USA“ (MFG, manufacturingusa.com), einem Netz von 16 Forschungseinrichtungen, die den deutschen Fraunhofer-Instituten ähneln. Andere MFG-Institute befassen sich z.B. mit Biopharmazeutika (NIIMBL in Newark), Biofabrikation und Gewebezucht (BioFabUSA in Manchester), Textilien (AFFOA in Cambridge) und „clean energy smart manufacturing“ (CESMII in Los Angeles).

Um die Identifizierung von Forschungsthemen („research roadmapping“), Ausbildungs- und Regulierungsfragen kümmert sich das „Engineering Biology Research Consortium“ (EBRC, ebrc.org), eine nichtkommerzielle Public-Private-Partnership mit Sitz in Emeryville, Kalifornien. Von Seiten des Staates sind darin das Heimatschutzministerium, das Verteidigungsministerium, die National Science Foundation und das National Institute of Standards and Technology vertreten. Im Jahr 2019 veröffentlichte EBRC den Bericht „Engineering Biology: A Research Roadmap for the Next-Generation Bioeconomy“.

Relevante Verbände (Auswahl):

Die „Biotechnology Innovation Organization“ (BIO, bio.org) wurde 1993 in Washington als „Biotechnology Industry Organization“ gegründet. Mit mehr als 1.100 Mitgliedern in allen US-Staaten, aber auch mehr als 30 Ländern weltweit ist BIO die größte Interessenvertretung und Lobbyvereinigung der Biotech-Industrie. In verschiedenen US-Staaten hat BIO Filialen, z.B. die „South Dakota Biotech Association“, „IowaBIO“, „Oregon Bio“ und „BIO Alabama“. Auf einer BIO-Konferenz wurde 2014 der „International Council of Biotech Associations“ (ICBA, internationalbiotech.org) gegründet, der entsprechende Organisationen aus aller Welt vereint.

Generell für eine „nachhaltige Wirtschaft“ wirbt die Geschäfts- und Investoren-Gemeinschaft „American Sustainable Business Network“ (ASBN, asbnetwork.org). ASBN-Arbeitsgruppen gibt es zu Themen wie „sicherere Chemikalien“, „Kreislaufwirtschaft“, „nachhaltige Verpackungen“ oder „regenerative Landwirtschaft“.

Von der „National Association of State Departments of Agriculture“ (NASDA), einer Vereinigung von Vertretern aller Agrarministerien der US-Bundesstaaten und US-Territorien, wurde im Jahr 2022 die „Ag Bioeconomy Coalition“ (nasda.org/organizations/ag-bioeconomy-coalition) gegründet, um „Initiativen für eine Kreislaufwirtschaft zu beschleunigen“. Die Lobby-Organisation will sich für die gesamte agrarische Bioökonomie einsetzen, von biobasierten Kraftstoffen, Chemikalien, Materialien und Konsumgütern bis zu „notwendigen Werkzeugen“ wie Forschung oder Infrastruktur.

Der „Plant Based Products Council“ (PBPC, pbpc.com) setzt sich für „more sustainable and responsible consumer products and packaging“ ein, das heißt vor allem für biobasierte Kunststoffe. Die „Plastics Industry Association“ (PLASTICS, plasticsindustry.org), die die gesamte Kunststoff-Wertschöpfungskette abdeckt, hat für Biokunststoffe eine eigene „Bioplastics Division“ eingerichtet. Diese organisiert z.B. die Social-Media-Kampagne „Bioplastics Week“. Große Konzerne (u.a. Coca-Cola, Nestle, Procter&Gamble und Lego-Group) haben sich mit der Umweltorganisation World Wildlife Fund (WWF) in der „Bioplastic Feedstock Alliance“ (BFA, bioplasticfeedstockalliance.org) vereint, um Rohstoffe und Technologien für „nachhaltige“ Biokunststoffe zu evaluieren und die Rolle von Biokunststoffen in einer Kreislaufwirtschaft auszuloten.

Die „Renewable Fuels Association“ (RFA, ethanolrfa.org) vertritt die amerikanische Ethanol-Branche. Vor allem geht es dabei um „erneuerbare Treibstoffe“; der Verband befasst sich aber auch mit „Bioprodukten“ und den Nebenprodukten der Ethanol-Herstellung. Mit Bioenergie befasst sich ansonsten eine Reihe weiterer Organisationen: Die „Advanced Biofuels Association“ (ABFA, advancedbiofuelsassociation.com) promotet Biokraftstoffe, die nicht aus Getreide oder anderen Lebensmitteln gewonnen werden. Die „Biomass Power Association“ (BPA, usabiomass.org) vereint die Vertreter von 80 Biomasse-Kraftwerken in 20 US-Staaten. Mit der Wärmeerzeugung aus Biomasse befasst sich der „Biomass Thermal Energy Council“ (BTEC, biomassthermal.org), mit Biogas der „American Biogas Council“ (americanbiogascouncil.org). Für erneuerbare Energien setzen sich auch der „Business Council for Sustainable Energy“ (BCSE, bcse.org), der „American Council on Renewable Energy“ (ACORE, acore.org), der Verband „American Clean Power“ (ACP, cleanpower.org) und die aus dem „National Biodiesel Board“ (NBB) hervorgegangene „Clean Fuels Alliance America“ (cleanfuels.org) ein.

Eine spezielle Organisation ist das „Biodegradable Products Institut“ (BPI, bpiworld.org), das sich für biologisch abbaubare Produkte einsetzt und kompostierbare Materialien zertifiziert. Die „Biological Products Industry Alliance“ (BPIA, bpia.org) promotet ebenfalls „biologische Produkte“, nämlich Biopestizide, Biostimulanzien und Biodünger.

Die „American Society of Agricultural and Biological Engineers“ (ASABE, asabe.org) will Ingenieurwesen und Technologie für landwirtschaftliche und biologische Systeme fördern, d.h. für die Bereiche Lebensmittel, Wasser, Energie, Fasern und Umwelt. Unter anderem engagiert sich ASABE für die Entwicklung von technischen Standards. ASABE hat 7.500 Mitglieder in fast 100 Ländern.

Das „Consortium for Advanced Bioeconomy Leadership Education“ (CABLE, u.osu.edu/cable/) ist eine landesweite Vereinigung von 20 Hochschulen und Universitäten, die mit speziellen Ausbildungsprogrammen „vielversprechende Studenten auf Führungs-rollen in der US-Bioökonomie vorbereiten“ will.